Mentor und Magier*

* Oliver Börsch über Peter Zernisch: Abschrift aus der Festschrift "Maßstäbe" zum 75. Geburtstag von
Peter Zernisch

Ist es nicht so, Gandalf, dass du stets schneller als ich,

wohin auch immer gelangen könntest? Und noch eines
lass mich dir sagen: 
Du bist uns Feldherr und Fahne!

 

            J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe, 3. Buch, 5. Kapitel

 

 

Warum ein Zitat aus Tolkiens Jahrhundertwerk in einer Denkschrift für Peter Zernisch? Zwei Gründe sind zu nennen: Der erste Grund beschäftigt den Marken-strategen in mir und soll hier nicht weiter vertieft werden: Der weltweite Erfolg des Herr der Ringe lässt sich auf die gleichen mythomotorischen Kräfte zurückführen, die Peter Zernisch als Wirkungsursachen der Marken identifizierte. Der zweite Grund berührt den Schüler in mir und ist an dieser Stelle relevant: Tolkiens Leitfigur Gandalf, der wandernde Magier, symbolisiert in anschaulicher Weise die Tugenden des Peter Zernisch.

 

Gandalf besticht durch große Weisheit, die er sich im Laufe vieler Jahre auf seinen Wanderungen durch die Welten erworben hat. Er besitzt werde Stolz, noch sucht er Lob oder Macht zu gewinnen. Er ist ein Menschen-freund. In väterlicher Würde und Autorität entwickelt er seine Schützlinge und steht für sie ein. In der Schlacht erweist er sich als großer Stratege, der sich zwischen den Truppenteilen bewegt und wertvolle Anweisungen erteilt. Gandalf zeigt oft den letzten Ausweg aus schwierigen Situationen auf schärft den Blick für das Wesentliche. Tolkien bezeichnet ihn einmal als „Lenker des Ganzen“.

 

In keiner anderen Situation treten diese Qualitäten bei Peter Zernisch deutlicher in Erscheinung als im Arbeitsgespräch. Es ist die Stunde der Produktion, das Hier und Jetzt des schöpferischen Schaffens und strategischen Bewertens, das ihn aus all seinen Rollen schält und ungeschützt zeigt, ungeschützt und zugleich in der uneingeschränkten Verfügungsmacht über den gewaltigen Kontinent seiner Erfahrungen. Hier erlebe ich, wie Erkenntnisse durch 50 Jahre Markenpraxis aus der Tiefe seiner Beraterseele aufsteigen, um im geprüften Urteil zur wohl formulierten Sprache zu finden.

 

Gesammelt sitzt er dann da, im leuchtenden Ausdruck seiner Augen die ungeteilte Aufmerksamkeit verkündend, das Ganze stets im Blick haltend. Und auf eine geradezu mirakulöse Weise verschmelzen längst gemachte Erfahrungen mit weit projizierten Ideen im aktuellen Tageslicht. Lebendig und anschaulich verleiht er dem Ergebnis Gestalt in der Gleichzeitigkeit von Denken und Formulieren. Es ist diese Situation, in der für den aufmerksamen Arbeitspartner der Magier in ihm erscheint: überraschend, erhebend, anstiftend.

 

Dann weiß ich, dass seine Rolle als Berater nur die äußere Form dessen ist, was ihn eigentlich ausmacht: seine Intimität mit dem Leben. Sein tiefes, von Dogmen, Ideologien und akademischen Zwängen befreites Verständnis menschlicher Ängste und Hoffnungen. Diese Intimität mit dem Leben, gepaart mit seinem bis heute ungebrochenen Arbeitswillen und der Ablehnung jeder Schlamperei machen für mich den Sockel seiner Profession aus – weit mehr als seine vielzitierte Liebe zur Marke. Die Marke lieben viele, in der Markenarbeit beweisen sich wenige.

 

Das Staunen über die Weite seiner gedanklichen Wanderungen quer durch alle Fachdisziplinen, die Tiefe seiner forscherischen Neugier hinab zu den Ursprüngen des Arbeitsgegenstandes und die Vitalität seiner schöpferischen Leistung so nahe am Dasein des Menschen, dieses Staunen ereilt mich bis heute. Und am Ende eines solchen Arbeitsgesprächs verspüre ich immer wieder die eigene Wandlung, das Gefühl, zu „begreifen“, weil mir der Gegenstand nun selbst in vertrauter Form in den Händen liegt. Und immer wieder genieße ich das stille Vergnügen, das jeden lernwilligen Schüler erfüllen muss: An das Vorbild wieder ein wenig näher gerückt zu sein.

 

So wie Gandalf zum Mentor einer ganzen Schar mutiger Helden in Tolkiens Epos wurde, so ist Peter Zernisch in den Jahren unserer Zusammenarbeit für mich der Mentor gewesen. Die erste Begegnung mit ihm war der Beginn einer großen Reise, auf der er mir in unzähligen Gesprächen ungeahnte Wege zu neuen Horizonten aufgezeigt hat. Dass sich auf dieser Reise aus der zweckdienlichen Verbindung eine Freundschaft entwickelte, ist mehr als ich erwarten durfte - wo doch schon Aristoteles so überzeugend dazulegen wusste, dass eine Freundschaft zwischen Ungleichen nicht möglich ist.

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© Dr. Oliver Börsch